Schläge in Venezuela und Iran: Geht es hier um China?

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Seit Beginn der amerikanischen Angriffe auf den Iran rätselt die Welt darüber, was die eigentlichen Motive von Donald Trump sind: Hat Benjamin Netanjahu ihn um den Finger gewickelt? Will Trump wirklich den Regime Change? Oder vor allem von den Epstein-Akten ablenken? Eine weitere Theorie, die in den vergangenen Tagen Karriere gemacht hat, dreht sich um China: Die US-Regierung wolle "durch Kontrolle über den Iran genauso wie über Venezuela Druck auf den Hauptrivalen China ausüben", sagte Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, in der ARD

"Die Iran-Angriffe zielen in Wahrheit auf China", heißt der Titel eines in den USA viel geteilten Artikels der Newswebsite The Free Press. Die Argumentation hinter dieser Position lautet, dass Trump mit seinen Enthauptungsschlägen in Caracas und Teheran Chinas Zugänge zu billigem Öl blockieren und die Allianzen der KP-Führung in der Welt brechen will. Letztlich, so die These, seien Maduros Entführung und die "Operation Epic Fury" ein Auftakt zu einem größeren indopazifischen Machtkampf – womöglich gar das Vorspiel zum großen Showdown zwischen den USA und China.

Man kann nicht ausschließen, dass Trump solche Gedanken durch den Kopf gehen. Doch falls es einen derartigen Plan geben sollte, wäre er nicht besonders klug.

China reagiert auf die Tötung Chameneis, wie schon im Januar nach der Entführung Maduros, mit scharfer Kritik: Es sei "inakzeptabel", dass die USA "unverhohlen das Staatsoberhaupt eines souveränen Landes ermorden und einen Regimewechsel forcieren", sagte Außenminister Wang Yi, begleitet von üblichen Floskeln wie der "Sorge vor einer gefährlichen Eskalationsspirale" und der Forderung nach einer "Rückkehr zu Dialog". Im UN-Sicherheitsrat forderten Chinas Vertreter einen sofortigen Stopp der amerikanischen und israelischen Angriffe. Jenseits diplomatischer Protestnoten schaut China dem Kriegstreiben von Donald Trump bislang ungerührt zu.

Relevant, aber nicht existenziell

Die Führung in Peking als Verlierer der amerikanischen Militärinterventionen zu sehen, wäre fehlgeleitet. Und gäbe es einen amerikanischen Plan, eigentlich China zu treffen, wäre er ziemlich schlecht.

Tatsächlich sind weder die Ölimporte aus Venezuela noch aus dem Iran überlebenswichtig für Chinas Wirtschaft. Beide Länder sind zwar wegen der Sanktionen auf China als wichtigsten Kunden angewiesen – umgekehrt besteht diese Abhängigkeit jedoch nicht. Venezuela steht für vier Prozent von Chinas Ölimporten, der Iran für 13,4 Prozent. Das ist relevant, aber nicht existenziell. Die Hauptabnehmer waren in China bisher sogenannte "Teapots", unabhängige, privat betriebene Raffinerien, die überwiegend in der Provinz Shandong südlich von Peking sitzen. Sie beziehen ihr Rohöl zum Großteil über eine internationale Schattenflotte, die Ladungen in Drittstaaten wie Malaysia umladen und neu deklarieren, um die Herkunft aus dem Iran oder Venezuela zu verschleiern. 

Mit rund einem Viertel der chinesischen Raffineriekapazität erfüllen die Teapots eine Art Schwammfunktion: Sie saugen das rabattierte Rohöl auf und drücken so die Kosten für viele Industrien, während die großen Staatsraffinerien ihre Importe über offizielle Kanäle abwickeln, um Sanktionsrisiken zu vermeiden. Fielen Venezuela oder der Iran aus, könnte China auf andere große Lieferanten wie Russland, Saudi-Arabien, Irak oder Brasilien ausweichen – dann zu Marktpreisen (außer Russland, das auch unter Sanktionen steht). Das wäre für die chinesische Volkswirtschaft verkraftbar, zumal die Nachfrage nach Öl ihren Zenit erreicht: Spätestens 2027 dürfte Chinas Verbrauch aufgrund des Ausbaus der E-Mobilität und erneuerbaren Energien erstmals sinken. Auch würde ein Regimewechsel in Teheran China nicht automatisch von iranischem Öl abschneiden. Ein Iran, der nicht mehr unter Sanktionen steht, würde sein Rohöl wieder frei auf dem Weltmarkt handeln, was die Preise entspannen könnte – auch zum Vorteil Chinas.

Chinesischer Pragmatismus

Zweitens: China sieht den Iran zwar als Partner und nützlichen Gegenpol zum Einfluss der USA im Nahen Osten, verfolgt aber auch andere Interessen in der Region. In den vergangenen Jahren haben beide Länder ihre Beziehungen vertieft. Die KP-Führung hat sich für die Aufnahme Irans in das BRICS-Format eingesetzt, sie liefert Teheran Raketenkomponenten, Drohnen und Cyberdefense-Systeme. Gemeinsam mit Russland haben der Iran und China in den vergangenen Jahren Militärübungen abgehalten, laut Reuters verhandeln Letztere außerdem aktuell über die Lieferung chinesischer Anti-Schiffs-Raketen des Typs CM-302 (was Peking dementiert). 

Aktiv in den Konflikt mit den USA eingreifen, um Teheran zu unterstützen, würde China trotzdem nicht. Es bliebe bei Chinas üblichem Muster, "Empörung und Besorgnis zu äußern, aber nicht zu handeln", schreibt Bonnie Glaser, Direktorin des Indopazifik-Programms des German Marshall Funds in Washington, auf X. "Sollte es ein neues Regime geben, wird Peking pragmatisch ein gutes Verhältnis aufbauen wollen, unabhängig davon, wer an der Macht ist." Als der Iran Raketen auf die Golfstaaten und Saudi-Arabien feuerte, rief die Pekinger Führung "alle Seiten" zur Zurückhaltung auf. 

Denn wirtschaftlich sind die Golfstaaten für Peking weit wichtiger als der Iran. In Saudi-Arabien und am Golf hat China rund 85 Milliarden Dollar in Häfen, Industrieparks, Energieprojekte und Smart Cities investiert; allein in den Vereinigten Emiraten und in Katar leben mehr als 350.000 chinesische Expats. Im Iran dagegen investierte China zwischen 2005 und 2025 nur 4,7 Milliarden Dollar, und trotz eines Kooperationsabkommens im Jahr 2021 floss seither kaum Geld nach; vielen chinesischen Firmen ist der Iran zu unsicher. Chinas Nahoststrategie zielt darauf ab, Beziehungen zu allen Akteuren zu halten und überall Geschäfte zu machen – auch deshalb vermittelte China 2023 einen Ausgleich zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Abgesehen davon kann Pekings Führung nach dem vorläufigen US-chinesischen Handelsabkommen von Oktober aktuell keine direkte Konfrontation mit der Regierung in Washington gebrauchen.

Drittens könnte ein Krieg im Iran für die USA so desaströs werden, dass China davon nur profitieren kann. Im Schatten der amerikanischen Kriege im Irak und in Afghanistan konnte die kommunistische Führung ihre Macht in den Nullerjahren ungestört ausbauen. Von dem Imageschaden, den die USA sich im Zuge ihrer Interventionen selbst zufügten, haben sie sich seither nicht wieder erholt. Pekings Spitzenkader dürften darauf setzen, dass ein langer Iran-Einsatz Energie und militärisches Material verschleißt. "Wir haben nur eine begrenzte Zahl an Flugzeugträgern, und auch die Zeit und Aufmerksamkeit des Präsidenten sind endlich", sagte Julian Gewirtz, ehemaliger Sicherheitsberater in der Regierung von Joe Biden, dem Economist. Je aggressiver und kopfloser die USA in diesen Tagen wieder als Imperialmacht auftreten, desto berechenbarer und zahmer wirkt das Regime in Peking im Vergleich.

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