Sachcomics: Die Lehren der Professoren Raptor und Ratte

vor 1 Tag 4

In dieser Woche ist die Berliner Comiczeichnerin Ulli Lust mit „Die Frau als Mensch“ für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert worden. Berücksichtigungen von Comics bei den wichtigsten Auszeichnungen des literarischen Lebens sind in Deutschland immer noch selten. Immerhin wurde dem Franzosen Jacques Tardi 2021 der hoch angesehene Einhard-Preis für historische Biographik verliehen und dem amerikanischen Comicreporter Joe Sacco im selben Jahr der Geschwister-Scholl-Preis.

Die Nase vorn aber hat mittlerweile Leipzig, seit 2023 Birgit Weyhes Comic „Rude Girl“ in die Endauswahl kam (auch bei den Sachbüchern) – und gleich im Jahr ­darauf Anke Feuchtenberges Bilder­roman „Genossin Kuckuck“ unter die letzten fünf in der Sparte Belle­tristik. Gewonnen haben beide nicht, aber wenn man bedenkt, dass der Deutsche Buchpreis es in seinen mehr als zwanzig Jahren noch nie geschafft hat, die weltweit anerkannten (und durch viele Übersetzungen bestätigten) Qualitäten hiesiger Comic-Erzähler wenigstens mit einem seiner zwanzig Longlist-Plätze zu würdigen, dann sieht man, wie viel aufgeschlossener man in Leipzig nominiert.

Der Deutsche Sachbuchpreis, 2021 nach dem Vorbild des Romanen vor­behaltenen Deutschen Buchpreises eta­bliert, hat schon in seinem fünften Jahr nicht nur einen Comic unter die letzten sechs aufgenommen, sondern ihn auch prompt zum Gewinner gekürt: „Die Frau als Mensch“, und zwar den ersten von wahrscheinlich vier Bänden dieser großen kulturanthropologischen Studie von Ulli Lust. In Leipzig greift jetzt der gerade erschienene Band zwei nach den Sternen, und wenn er triumphieren sollte, würde das einer Gattung, die ohnehin gerade eine Blüte erlebt, einen zusätzlichen Schub beim allgemeinen Publikum geben. Der Sachbuchpreis sorgte bei Band eins der „Frau als Mensch“ für die im deutschsprachigen Comic-Kontext sensationelle Verkaufszahl von mehr als fünfzigtausend Exemplaren. Es ist selten, dass einheimische Publikationen überhaupt fünfstellige Auflagen­höhen erreichen. Bestseller am Markt wie „Asterix“ oder „Lucky Luke“ übertreffen das jeweils um ein Vielfaches, aber dabei handelt es sich ja um Übersetzungen.

Immenser Unterhaltungswert? Ja, den hat dieser Sachcomic

Und um humoristische Abenteuer, während der Sachcomic von seinem Anspruch her Wissensvermittlung in den Mittelpunkt stellt. Schon seit zehn Jahren boomt das Subgenre der Biographien, aber Comics mit dokumentarischen Ansätzen nehmen zu, und Ulli Lust führt durch die Verarbeitung neuester archäologischer und paläontologischer Forschungsergebnisse vor, wie die Anschaulichkeit der Bildergeschichte genutzt werden kann für Darstellungen komplexer Fragen. Ihr Comic revidiert die lange gängigen geschlechtssozialen Rollenzuschreibungen in der Menschheitsgeschichte und bietet so ein feministisches Projekt ohne Eifer oder politische Agenda. Auch ein gelungener Sachcomic ist durch Sachlichkeit gekennzeichnet. Und Sachkenntnis.

 eine Seite aus dem Theorieteil von Lena Winkels Buch.Die Tiere der Kollegin Anna Haifisch lassen grüßen: eine Seite aus dem Theorieteil von Lena Winkels Buch.Lena Winkel

Wie trotzdem auch ein immenser Unterhaltungswert geschaffen werden kann, das führt ein vor wenigen Wochen erschienener Comic vor, der sich einem erzähltheoretischen Thema widmet, das eingebettet wird in die junge Disziplin der Human-Animal Studies – ein Forschungsgebiet, das sich analog zum wissenschaftlichen Feminismus der Emanzipation einer benachteiligten Gruppe in der Kulturgeschichte widmet: den Tieren. Für Comics ist es deshalb von besonderem Reiz, weil einige der berühmtesten und einflussreichsten Figuren dieser Erzählgattung als intelligible Tiere gezeichnet sind: in Walt Disneys „Micky Maus“, George Herrimans „Krazy Kat“, Robert Crumbs „Fritz the Cat“, Art Spiegelmans „Maus“ oder Lewis Trondheims „Abenteuern des Herrn Hase“ – um nur wenige zu nennen, die man aus deutscher Sicht noch um Rolf Kaukas „Fix und Foxi“ und Anna Haifischs „The Artist“ ergänzen kann. Was aber bedeutet es, Tiere auf diese Weise zu vermenschlichen? Dieser Frage geht die Hamburger Comic- und Bilderbuch-Autorin Lena Winkel in ihrer Studie „Tiere richtig zeichnen“ nach.

Selbstzweifel artikulieren sich in makelloser Form

Der Titel könnte dazu verführen, eine Hinführung zur Anfertigung von Comics des Funny-Animal-Genres zu erwarten. Damit hält Winkel sich nicht auf, obwohl sie auf der Grundlage ihrer eigenen bisherigen Arbeiten durchaus etwas zur graphischen Praxis sagt: „Warum zeichne ich Tiere?“, fragt sie sich einmal selbst. Aber die Antwort darauf wird nicht in der ­Ästhetik gesucht, sondern in der Ethik. Lena Winkels Buch ist ein Plädoyer für einen Gebrauch des Tiermotivs in Comics, der sich der damit verbundenen Klischees bewusst ist und sie überwindet.

Brillant und, soweit ich sehe, bislang einmalig ist dabei, dass Winkel ihr Buch, das als Masterarbeit im von Anke Feuchtenberger geleiteten Studiengang Illustration an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften entstand, zweigeteilt erstellt hat: eine Hälfte als methodische Analyse des Tiercomics, die andere als Tiercomic selbst, in dem die Figuren über die eigene Rolle reflektieren – zwei von ihnen, gezeichnet als Ratte und als Raptor, lehren an einer fiktiven Hochschule just jene Themen, die Lena Winkel untersucht: Tierezeichnen und Tiertheorie. Sie sind im steten Austausch miteinander, doch der Tiertheoretiker Raptor ist im Gegensatz zum Praktiker Ratte skeptisch, ob sein wissenschaftlicher Einsatz den Tieren überhaupt etwas nutzt.

 Doppelseite aus dem Comicteil von „Tiere richtig zeichnen“.Graphische Formenvielfalt ist Ehrensache: Doppelseite aus dem Comicteil von „Tiere richtig zeichnen“.Lena Winkel

Mit diesem Comic kann Winkel nicht nur verbal (buchstäblich verstanden: als Figurenrede) eine Methodendiskussion führen, die den klassisch wissenschaftlichen anderen Teil ihrer Masterarbeit ergänzt, sondern sie hat darin auch Mittel zur Hand, die gegensätzlichen Positionen ihrer Protagonisten graphisch deutlich zu machen: durch unterschiedliche Stile. Die Episoden um Ratte sind oft skizzenhaft gehalten, während Raptors Darstellung zumeist cartoonesk ausgeführt ist. Paradoxerweise argumentiert der zweifelnde Theoretiker also vor der Folie ästhetischer Makellosigkeit, während der selbstsichere Praktiker im Status eines noch unvollendeten Prozesses porträtiert wird. Zudem ist die Figur von Ratte erkennbar durch Spiegelmans „Maus“ beeinflusst und der Ernsthaftigkeit dieses Comics entsprechend kreatürlicher gezeichnet, während Raptor sich dem graphischen Vorbild von Anna Haifischs Comics verdankt - und denen Lewis Trondheims, die ihre ironische Behandlung unterschiedlicher literaturgeschichtlicher Erzählmuster in die auf den ersten Blick wohlgefällige Funny-Ani­mal-Tradition kleiden. Auch dadurch nimmt Winkel Setzungen vor, die ihre Protagonisten charakterisieren, ohne dass diese (oder die Autorin) ein Wort darüber verlieren müssten. Der Comic zeigt, statt zu beschreiben.

Ein „Seufz“ im Wissenschaftsdiskurs

Und dieses Prinzip ist denn auch eines der zentralen Themen des wissenschaft­lichen Teils, wo selbstverständlich viel beschrieben wird und nur gelegentlich etwas gezeigt, nämlich dann, wenn Bildbeispiele beigegeben werden, von denen Lena Winkel selbst auch nur die wenigsten gezeichnet hat. Der Bild-Einsatz erfolgt im Theorieteil aber generell spärlich: „Der Ansatz“, so führt die Autorin denn auch zu Beginn aus, „ist keinesfalls streng rezeptionsästhetisch, sondern zielt darauf ab, interessierte (seufz, ja, mensch­liche und noch eingeschränkter: potenziell sehen und lesen könnende) Personen zu Analysen und Verknüpfungen mit ihren eigenen Erfahrungswelten anzuregen.“ Die Benutzung des comicspezifischen Erika­tivs „seufz“ in dieser Passage zieht noch eine weitere metanarrative Ebene ein; zugleich aber verleihen gerade ­solche persönlichen Einschübe auch dem methodischen Teil der Studie eine Verständlichkeit, die weit über die übliche akademische Textproduktion hinausgeht.

 Ratte schubst Raptor aus dem Comic.Raue Umgangsformen unter Wissenschaftlern: Ratte schubst Raptor aus dem Comic.Lena Winkel

Frappant an Winkels Buch ist sein Gestaltungsprinzip: Es kann von beiden Seiten her gelesen werden, denn je nachdem, wie man es hält, steht entweder der Comic oder der wissenschaftliche Teil am Beginn. In der Mitte muss man das Buch dann umdrehen, um den jeweils anderen zu lesen. Doch was als demonstrative Trennung missverstanden werden könnte, ist vielmehr eine Gleichberechtigung, die den von Winkel erhobenen Forderungen nach Emanzipation der Tiere im Comic entspricht: Raptor und Ratte können genauso gut den Beginn machen wie die Theoretikerin Winkel. Und beide verbindet ein Mittelsegment, das an den wissenschaftlichen Teil ein rein schriftliches Produktionstagebuch der Autorin aus der Endphase ihrer Arbeit an der Studie anschließt, während der Comic von einer Sequenz beschlossen wird, in der sich Raptor auf Anregung Rattes in die Situation einer anderen Tierspezies versetzt: einer hilflos auf dem Rücken liegenden Schildkröte. Und hilflos ist er bei diesem Versuch selbst – ganz nach der These des auch von Winkel vielfach zitierten Aufsatzes „What Is It Like to Be a Bat?“ von Thomas Nagel aus dem Jahr 1974. Die Schildkröte selbst aber stellt dann das Bindeglied zwischen beiden Buchabschnitten dar, denn jeweils auf deren letzten Seiten ist dann sie realistisch dar- und dadurch sich selbst gegenübergestellt: jeweils aus der Sicht des liegenden Tiers aufrecht. Die Theorie (auch Nagels) wird vom Kopf auf die Füße gestellt.

Man könnte nun noch ausführen, wie sich in Lena Winkels Buch weitere Arbeiten ihrer Hamburger Kommilitoninnen und Kommilitonen spiegeln, etwa die identitätspolitischen Comics von Noëlle Kröger und Wiebke Bolduan. Aber das führte weg vom Prinzip des Sachcomics, das hier von Winkel auf ein Gleis gesetzt wird, das ins noch weitgehend Unbekannte führt: zu einer genuin comicspezifischen Wissenschaftlichkeit.

Ihren schönsten Ausdruck findet diese Erkundung aber in einem Brückenschlag vertriebstechnischer Art: „Tiere richtig zeichnen“ erscheint in gleich zwei Verlagen, bei transcript aus Bielefeld, der den Band in seine Reihe „Human-Animal Studies“ aufgenommen hat, und bei Jaja aus ­Berlin, einem Haus für Comics. Die beiden Cover des Wendebuchs weisen jeweils einen der Verlagsnamen aus. Schade nur, dass den üblichen Erwartungen damit Genüge getan wurde, dass der ­wissenschaftliche Teil transcript zu­geordnet wird, die Comic-Hälfte dagegen Jaja. Wenn auch das noch vertauscht ­worden wäre, hätte es einem Buch entsprochen, das sonst alle Erwartungen übertrifft und den Sachcomic auf ein ­neues Niveau hebt.

Gesamten Artikel lesen