„Landkrimi“ im ZDF: Von der Außenwelt sind sie abgeschnitten

vor 3 Stunden 2

Der ORF-„Landkrimi“ hat einmal mehr Zuwachs bekommen, und im Gegensatz zu anderen Reihen kann man hier sicher sein, nicht mit Dutzendware abgespeist zu werden. „Schnee von gestern“ spielt in Lienz, Osttirol, und noch weiter östlich, im Ort Inner Ainöd. Wer denkt sich solche Ortsnamen aus, zu sprechend, um wahr zu sein? In der Nähe des Ossiacher Sees findet sich auf der Landkarte tatsächlich ein solcher Ort. Er heißt: Innere Einöde.

Rund um den Ossiacher See spielte die letzte Folge des „Landkrimis“. In „Bis in die Seele ist mir kalt“ ging es um den Wandel des Tourismus in der Region, um den Ausverkauf von Heimat, um scheinbare Modernisierungserfordernisse und die Zerstörung von Gemeinschaften, vor allem um die damit einhergehende Vereinzelung und Einsamkeit der alten Einheimischen. Wer bei „Bis in die Seele ist mir kalt“ mit seinen Landschaftsnebelbildern schon gefröstelt hat, dem wird in „Schnee von gestern“ auch nicht wärmer werden.

Die Handlung könnte von Adalbert Stifter stammen

Die Handlung könnte eine zeitgenössische Übersetzung von Motiven aus Adalbert Stifters Erzählungsband „Bunte Steine“ sein (Buch Ivo Schneider). Immer noch wirken die Berge um Inner Ainöd majestätisch und erhaben, immer noch gibt es eine Dorfgemeinschaft mit Gestalten, die aus Erfahrung unerbittlich sind und sich seit Generationen nicht mit denen draußen verbinden, aber nun rauben neue Entwicklungen den Menschen die wirtschaftliche Existenz.

Wo in vormassentouristischen Zeiten die Fremden Eindringlinge schienen und jederzeit Katastrophen in Gang bringen konnten, ist nun der Fremdenverkehr ein bedrohtes Phänomen. Die Touristen bleiben aus in Inner Ainöd, dabei ist Ski-Hochsaison. Das liegt am Dauerregen und am fehlenden Schnee. Nicht mal pittoreske Melancholie zeigen die Bilder der Kamera von Anna Hawliczek, sondern trübseliges Verhängnis. Ein Seitental-Dorf im auch symbolischen Renovierungszustand. An der Spitze der überalterten Dorfversammlung steht Bürgermeister Walter (Michael Rotschopf). Selbst der Pfarrer scheint nicht zuerst Gott zu dienen, sondern den Gemeindezwängen, und im Gasthof, in dem Chefinspektor Martin Steiner (Simon Morzé) Quartier bezogen hat, ist die Wirtin Maria sich zwar sicher, bald über Internetanschluss zu verfügen, kann aber vorerst nicht einmal für die Telefonverbindung zur Außenwelt sorgen. Die Inszenierung der Abgeschnittenheit gelingt vorzüglich (Regie David Wagner).

DSGVO Platzhalter

Ob Steiner und seine Kollegin, Chefinspektorin Melanie Grandits (Marlene Hauser) aber überhaupt ein Tötungsdelikt aufzuklären haben, ist anfangs fraglich. Vielleicht handelt es sich im Fall des im Triestacher See ertrunken aufgefundenen Umweltlandesrat Konrad Schett um den „Klassiker“: „Mann trinkt zu viel. Mann muss pinkeln. Ist ein Gewässer in der Nähe, wird Mann davon magisch angezogen. Mann pinkelt, rutscht aus, haut sich den Kopf an und ertrinkt“, so Grandits’ Zusammenfassung.

Der Tote war auf dem Weg nach Inner Ainöd. Statt seiner nimmt Steiner dort Posten, während Grandits ihr freies Wochenende genießt. Oder auch nicht, denn während ihr Freund, der für ihren Geschmack ohnehin schon arg klammert, sie für Spa-Angebote und ungestörte Zweisamkeit im Luxusambiente gewinnen will, hängt sie am Handy wie an einer Rettungsleine. Kasernierung fürs Wohlbefinden ist nicht nach ihrem Geschmack, und langweilig ist ihr auch. Für Steiner indes wird es immer brenzliger im Dorf. Als es dann doch noch zu schneien beginnt, und zwar heftig, ist das nicht romantisch. In solcher Unwirtlichkeit überleben eben höchstens die Touristen in Funktionskleidung, wenn überhaupt. Wer Verstand hat, bleibt zu Hause. Die Berge, das zeigt „Schnee von gestern“ auch, sind nicht für den Freizeitgenuss entstanden.

In der Polizeizentrale recherchiert derweil Kollege Gustav Moser (Felix Rank) unter den Augen von Major Salzer (Joseph Holzknecht) zur Lage der Cyberkriminalität. Vielleicht geht es Moser aber bloß darum, die angeblichen Kinderski des österreichischen Rennläufers Hermann Maier zu ersteigern (mit knapp 1000 Euro ist er dabei). Klimawandel, Wirtschaftsfaktor Tourismus, Überalterung und Landflucht, ein solches wird in dieser atmosphärisch dichten Kriminalerzählung mit humorvollem Unterton zur Sprache gebracht. Auch die Musik von Musicbanda Franui und des 2018 verstorbenen isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson setzt eine besondere Note, wenn in Inner Ainöd zur Hatz geblasen wird.

Der Landkrimi: Schnee von gestern läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im ZDF und im ZDF Stream.

Gesamten Artikel lesen