Berfin ist muslimisch, queer, trans. An diesem Montagabend sitzt sie mit Freunden im Neuköllner Café „Das Hoven“, um gemeinsam das Fasten zu brechen – in einem Raum, der, wie sie sagt, ihre „Identität akzeptiert“. In anderen Moscheegemeinden müsse sie sich verstecken, ihre Sexualität verschweigen, mit dem Risiko leben, von der Familie verstoßen zu werden. Manche hätten aus Angst vor Gewalt oder gar einem sogenannten „Ehrenmord“ fliehen müssen.
Neben ihr sitzt eine transgeschlechtliche Freundin, die vor sechs Jahren mithilfe der Polizei ihr Elternhaus verließ. Der Bruch war radikal, die Folgen sind es bis heute. „In dem Moment, in dem man geht, lässt man vieles zurück – auch Feste und Feierlichkeiten“, sagt sie. „Und heute hier zu sein, zeigt mir einfach: Ich bin nicht allein.“ In ihrer streng religiösen Familie sei ihr Outing auf massive Ablehnung gestoßen. Gerade deshalb sei es „richtig, richtig schön, hier sein zu dürfen, so wie man ist“.
„Es geht doch. Wir können zusammen“
An diesem Abend treffen queere Muslime auf Liberale, Konservative, Nachbarn, Politiker – eine Konstellation, wie sie in Neukölln selten geworden ist. „Es geht doch. Wir können zusammen“, sagt Seyran Ateş, die Imamin der Ibn Rushd-Goethe-Moschee. Die Vielfalt bilde den Bezirk ab, so ihr Anspruch – nicht als Utopie, sondern als Realität. Organisiert wurde das Iftar von der Ibn Rushd-Goethe-Moschee, der Deutsch-Arabischen Schule Ibn Khaldun e.V. und dem Queer-Aktivisten Danjel Zarte. Alle Beteiligten stehen wegen ihres Engagements gegen Islamismus und Antisemitismus unter Druck.
Auch Danjel Zarte weiß, dass Haltung in Neukölln Konsequenzen hat. Seit fast einem Jahr steht sein Café unter Objektschutz. „Ich habe bestimmt schon hundert Strafanzeigen gestellt“, sagt er – wegen Vandalismus, körperlicher Angriffe, eingeschlagener Fenster, Einbrüchen, sogar Drohungen mit Schusswaffen. Gäste seien attackiert, sein Auto sei beschädigt worden. Er erzählt das ganz nüchtern, als gehöre das zu seinem Alltag. Die Folgen sind spürbar: sinkender Umsatz, Mitarbeiter, die kündigen, Rechnungen, die sich kaum pünktlich begleichen lassen. Ein „Schneeballsystem“, nennt er es – und bleibt dennoch.
Die Bedrohung ist real, auch an diesem Abend
Die Bedrohung ist nicht abstrakt, auch nicht an diesem Abend. Die Frauenrechtlerin und Juristin Seyran Ateş kann nicht ohne Personenschutz auftreten, auch heute nicht. Zwei Sicherheitskräfte halten sich im Hintergrund. Seit Jahren wird die liberale Gründerin der Ibn Rusd-Goethe-Moschee angefeindet – besonders aus konservativen muslimischen Milieus, aber auch von islamistischen Akteuren, die ihr Verständnis von Islam als Provokation begreifen. Wenn im Nahen Osten die Lage eskaliert, spürt sie die Folgen unmittelbar auch hier in Neukölln.
Die Idee zu diesem liberalen Fastenbrechen sei im vergangenen Jahr entstanden, erzählt sie, als sich die Spannungen im Bezirk spürbar verschärften. Nach dem 7. Oktober habe sich vieles neu sortiert, Fronten seien deutlicher geworden. Ihr Ansatz ist kein missionarischer. Es sei falsch, zu glauben, man müsse die gesamte muslimische Gemeinschaft überzeugen. Liberale Muslime seien Teil der Stadtgesellschaft, konservative und orthodoxe ebenso. Entscheidend sei, dass man einander zugestehe: „Das ist unser Lebensstil.“
„Menschen, die Moschee negativ erlebt haben, aber nicht von ihrem Glauben lassen wollen“
In ihre Moschee kommen Menschen, die anderswo keinen Platz gefunden haben. „Es sind tatsächlich Menschen, die traditionell Moschee negativ erlebt haben“, sagt Ateş, „die dennoch nicht von ihrem Glauben lassen wollten.“ Manche beteten früher „still und heimlich“, andere allein zu Hause. Einige hätten der Religion zunächst den Rücken gekehrt, weil sie dachten, sie müssten sich entscheiden – zwischen Glauben und Identität. Später merkten sie: „Da fehlt was.“ Hier treffen sie auf andere, „die gläubig und queer sind“. Für viele ist das eine Erleichterung, fast so etwas wie ein Aufatmen. Die Gemeinde wird zur sozialen Familie anstelle jener, die man verloren hat.
In der Debatte um Homosexualität stört die Menschenrechtlerin vor allem die Verkürzung. „Im Islam ist das verboten“, höre sie oft – meist ohne genaue Kenntnis der Texte. Die Geschichte von Lot werde als Totschlagargument bemüht, alternative Lesarten würden kaum zugelassen. Hinter der Vehemenz vermutet sie weniger Theologie als Machtfragen: die Angst, gewohnte patriarchale Ordnungen könnten ins Wanken geraten.
Dass an diesem Abend auch Politiker erscheinen, ist mehr als eine Höflichkeitsgeste. Martin Hikel, der amtierende Bezirksbürgermeister, ist gekommen, ebenso sein Stellvertreter Gerrit Klingel, der nun selbst für das Amt kandidiert. In einem Bezirk, in dem solche Veranstaltungen nicht selbstverständlich sind, ist ihre Präsenz ein politisches Statement.
Für Martin Hikel ist das Fastenbrechen „ein wichtiges Zeichen“, schon deshalb, weil viele Muslime in der Stadt gerade fasten. „Das ist ein Zeichen der Anerkennung.“ Zugleich gehe es um Solidarität mit einem Ort, der Anfeindungen ausgesetzt ist. Dass ein Café Raum für ein liberales Iftar biete, sei „ein gutes Signal“.
„Gegen alle stellen, die den sozialen Frieden gefährden“
Hikel gilt in Neukölln als einer der profiliertesten Stimmen gegen Antisemitismus und Islamismus. Dieser Kampf sei „besonders brisant“ und eine Voraussetzung dafür, „dass wir als demokratische Gesellschaft gut miteinander leben können“. Sozialer Frieden entstehe nicht von selbst; man müsse sich „gegen all jene stellen, die genau den gefährden wollen“. Dass Hikel nicht erneut für das Amt des Bezirksbürgermeisters kandidiert, wird mit Bedauern aufgenommen, denn viele der hier anwesenden Initiativen haben ihn als verlässlichen Partner erlebt. Hinter den Kulissen ist von Spannungen in der Neuköllner SPD die Rede; seine klare Haltung gegen Antisemitismus und Islamismus ist offenbar umstritten. Hikel selbst bleibt nüchtern. Sein Einsatz sei eine „Herzenssache“, sagt er – und ende „nicht mit einer Wahlperiode“.
Im September wird in Neukölln gewählt. Einer, der das Amt nun anstrebt, ist Hikels Stellvertreter Gerrit Kringel. Er spricht von einer „richtungsentscheidenden“ Wahl. Antisemitische und islamistische Akteure träten sichtbarer und offensiver auf. Dem wolle er nicht mit großen Worten, sondern mit konkretem Handeln begegnen. Als für das Ordnungsamt Verantwortlicher setzt er auf schnelles Eingreifen im öffentlichen Raum: antisemitische Schmierereien konsequent entfernen, extremistische Plakate umgehend abhängen, öffentliche Gebäude schützen. „Jeder kleine Baustein ist wichtig“, sagt er – entscheidend sei, dass der Staat Präsenz zeige und klare Grenzen setze.
Darüber hinaus setzt Kringel auf Prävention. Säkularen muslimischen Initiativen und zivilgesellschaftlichen Trägern müsse man gezielt den Rücken stärken, Fördermittel stärker in Projekte gegen Radikalisierung lenken. Staat und Religion, betont er, gehörten getrennt. Glaube sei Privatsache, die öffentliche Ordnung hingegen müsse neutral und wehrhaft bleiben. Wenn man „schweigt und einer lauten Minderheit die Straße überlässt“, habe man verloren.
Noch zugespitzter formuliert es seine Parteikollegin Nimet Avci. Durch die Kriege „im Gazastreifen und Iran“ nehme die Aggression bei Jugendlichen spürbar zu, insbesondere antisemitische Vorfälle häuften sich. „Auch die Kurden werden angegriffen, wenn sie sich nicht eindeutig positionieren“, sagt sie. Politik bedeute für sie, Probleme klar zu benennen – „nicht vertuschen, nicht unter den Teppich kehren“. Man müsse „sehr, sehr viel“ in Jugendarbeit investieren und Kriminalität konsequent bekämpfen, auch wenn nicht jede Maßnahme auf Zustimmung stoße. Dass Neukölln wegen antisemitischer Vorfälle in den Schlagzeilen steht, sei „auch berechtigt“. Gleichzeitig litten viele integrierte Bürger darunter, unter Generalverdacht zu geraten, obwohl sie sich „zu unserer Verfassung, unserer Grundordnung bekennen“.
Für Danjel Zarte, den Gastgeber des Abends, sind solche Debatten keine Theorie. Sein Café ist längst mehr als ein gastronomischer Betrieb. Es ist Bühne, Schutzraum und Projektionsfläche zugleich. Reich werden wolle er damit nicht. „Ich muss kein Geld damit machen“, sagt er. „Ich möchte einfach nur mein Leben erfüllen – mit meiner Arbeit“. Dann fügt er, fast beiläufig, hinzu: Es wäre schön, wenn die Menschen sich diesen Ort einfach selbst anschauen würden. Wer vorbeikomme, halte ihn auch am Leben. Sagt er, geht wieder zwischen die Menschen und verteilt Essen.

vor 2 Stunden
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