Berliner museumsprojekt: Was die Erinnerung an Exil und Vertreibung wert ist

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Wo über Großbauprojekte gesprochen wird, dauert es meistens keine vier Sekunden, bis das unvermeidliche Wort „Kostenexplosion“ folgt. In Berlin steht man immer noch ehrfürchtig bis fassungslos vor den neuen Zahlen, die das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung für die Sanierung des Bundespräsidialamts veröffentlicht: acht Jahre Renovierung, Gesamtkosten von 601 Millionen Euro; weil in der an großen Villen und Verwaltungsbauten nicht armen Stadt Berlin auch nach längerer Suche kein Gebäude gefunden werden konnte, das den „Sicherheits- und Repräsentationsansprüchen“ des Amts genügt, wird für gut 200 Millionen Euro ein temporäres Ausweichquartier in Holzhybridbauweise errichtet.

Währenddessen wird das ursprünglich mit 200 Millionen Euro veranschlagte, inzwischen über eine halbe Milliarde Euro teure Museum für die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, kurz „berlin modern“, das wie ein havarierter Tanker zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie klemmt, munter seiner kostspieligen Fertigstellung entgegenbetoniert.

Die Kosten sind mit Sponsoring und Spenden nicht zu decken

Für viele private Bauvorhaben, die nicht mit dem ruppigen Merkel-Argument der „Alternativlosigkeit“ quasi unbegrenzt Steuergelder in die Baugruben pumpen können, bis das Gebäude in der geplanten Form steht, sind solche Baukostenexplosionen das sichere Ende.

Getroffen hat es jetzt eines der ehrgeizigsten privaten Museumsbauprojekte in Berlin: Wie die Stiftung Exilmuseum Berlin mitteilt, wird ihr an der Portalruine des ehemaligen Anhalter Bahnhofs geplantes Museum nicht realisiert, nachdem die Kosten von ursprünglich angenommenen 27 Millionen Euro noch vor Baubeginn auf mindestens 130 Millionen Euro gestiegen waren. Stattdessen will das Museum 2028 in deutlich kleinerer Form in einer Villa in der Fasanenstraße eröffnen.

Damit endet vorerst der Plan, an prominenter Stelle in Berlin ein Museum zu errichten, das die Geschichte von Vertreibung und Exil anhand der Einzelschicksale von Menschen erzählt, die ihre Heimat etwa während der NS-Diktatur verlassen mussten. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hatte sich für das Museum eingesetzt; die Gründungsinitiative kam von dem Berliner Kunsthändler und Mitgründer des Auktionshauses Grisebach, Bernd Schultz, der zur Anschubfinanzierung seine private Kunstsammlung verkaufte.

Ein vielleicht doch zu monumentaler Entwurf

Der plötzliche Tod des nominierten Direktors Christoph Stölzl war ein Schlag für das Projekt, für das die Stiftung bereits einen internationalen Architekturwettbewerb organisiert hatte. Ihn gewann die dänische Architektin Dorte Mandrup mit dem Entwurf für einen sehr monumentalen, gekurvten Bau, der als konkave Wand auf flachen Bogensegmenten hinter der Ruine aufsteigt und diese optisch fast überrennt wie eine dunkle Welle aus Backstein. Es war keine ganz glückliche Wahl; insgesamt erinnerte Mandrups Entwurf eher an die Zentrale einer internationalen Kreativagentur als an einen würdevollen Behälter für die Präsentation individueller Schicksale, und es war klar, dass eine solch ambitionierte Architektur sehr teuer werden würde.

Andere Entwürfe hatten eine leichtere, intimere Formsprache gefunden, die gut zu der Idee gepasst hätte, Exilgeschichte über Einzelschicksale zu erzählen; das japanische Büro Sanaa etwa schlug eine hauchfeine, gläserne Pavillonstruktur vor, die aussah, als manifestiere sich gerade etwas oder als verschwinde es. Den Initiatoren ging es aber wohl darum, mit einem wuchtigen optischen Donnerschlag ihre Themen im Stadtbild und im kollektiven Diskurs zu verankern – die Erinnerung an das Unrecht der Vertreibung durch die Nationalsozialisten und daran, wie Flucht und Entwurzelung „zu zentralen Erfahrungen unserer Zeit“ wurden und was daraus für eine Gegenwart gelernt werden kann, in der über 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind.

Auch die Frage, unter welchen Umständen Migration andere Kulturen bereichert und ein „friedvolles Miteinander möglich ist“, stand auf dem Programm des Exilmuseums – Themen, die einen Ort im Zentrum der Stadt verdient hätten und auch staatliche Unterstützung für einen vielleicht etwas einfacheren Bau am Anhalter Bahnhof.

Man soll öffentliche Projekte, in denen sich eine Gesellschaft ein Bild und Orte der Selbstverständigung schafft, nicht gegeneinander aufrechnen – trotzdem gibt ein Land, das kein Geld für einen Bau zu einem der prägendsten Themen seiner jüngeren Geschichte ausgeben kann, aber 200 Millionen Euro für einen buntes Holzhybridprovisorium, in dem der Präsident Hof hält, ein seltsames Bild ab.

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