Kinderbuch über Hühner: Der Bielefelder ist ein prächtiger Typ

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Triggerwarnung: Dieses Buch hat keine Triggerwarnung. Dabei geht es ans Eingemachte. Wir lesen zum Beispiel, in einem antiken Rezept finde sich die Empfehlung, ein Huhn bei lebendigem Leib zu rupfen. Das verbessere den Geschmack. An anderer Stelle sehen wir ein kopfloses Exemplar auf einem Tisch stehen. Der Schädel liegt für sich auf einem weiteren Tisch. Mike, so erfahren wir, habe nach seiner Enthauptung noch achtzehn Monate gelebt. Der Hahn verfügte nämlich über ein wenig Resthirn und wurde von seinem Halter mit einer Pipette in den Hals gefüttert. Beide tingelten durch die Vereinigten Staaten, und die Leute zahlten Eintritt, um das Tier live zu erleben.

Hinzu kommen Dinge, die selbst den hähnchen- und chickennuggetsversessensten Kindern den Appetit verderben können: Fleischhühner werden unter unzumutbaren Bedingungen gehalten. Ihr Knochengerüst ist der Mast nicht gewachsen, weswegen die Vögel in den eigenen Exkrementen auf dem Boden hocken. Auch das Herz leidet, wenn sie ihr Gewicht in vierzig Tagen von fünfzig Gramm auf zweieinhalb Kilo steigern. Im Alter von sechs Wochen endet ihr Leben. Bei uns, das nur der Vollständigkeit halber, werden jährlich mehr als sechshundert Millionen dieser Tiere geschlachtet.

 „Das große Buch der Hühner“Evelien De Vlieger und Jan Hamstra: „Das große Buch der Hühner“Verlag

Wir könnten nun so weitermachen, über Legebatterien und Hahnenkämpfe klagen, aber das Huhn ist ja vor allem ein beeindruckender Vogel, über den sich beeindruckende Sachen sagen lassen. Das weiß auch Evelien De Vlieger, die mit dem „Großen Buch der Hühner“ ein tatsächlich großes Buch vorlegt, in dem sie so anschaulich wie kompakt über Anatomie, Eier, Aussehen und Verwandtschaftsverhältnisse Auskunft gibt. Schon die Begriffe machen Spaß. Federn etwa können gepfeffert, doppelt gesäumt oder getupft sein. Unter ihnen gibt es tollbunte, zitron-porzellanfarbige und perlgraue.

Ein Schwerpunkt liegt auf den Fun Facts: Wer Angst vor Eiern hat, leidet unter Ovophobie; Furcht vor Federn bezeichnet man als Pteronophobie. Es gibt nur einen Staat, in dem keine Hühner leben – der Vatikan. Hühner strecken ihr rechtes Bein häufig vor, so dass die rechte Pobacke muskulöser wird und die linke zarter bleibt. Ein erkältetes Huhn muss sehr oft niesen.

Was es zu bedeuten hat, wenn eine Henne „Brrr“, „Tock-tock-tock-totooock“ oder „Kchrrr“ macht, verrät die Autorin genauso gerne, wie sie sich als Dolmetscherin versucht: Ein Hahn, der in Polen „Kukuryky“, in Japan „Kou-kou-kou-kou“, in Frankreich „Cocorico“ oder in Island „Gaggalagó“ kräht, sagt auf Deutsch „Kikeriki“.

Das Beste sind allerdings die wie aus dem Ei gepellten Linolschnitte von Jan Hamstra, der für jede Abbildung eine Linoleumplatte von der Größe des Buchs genommen und peu à peu immer mehr davon weggeschnitten hat. Nach jedem Schritt fertigte er einen Abdruck. Am Ende hat er die Drucke in einem digitalen Verfahren übereinandergelegt und farbig gestaltet. Dass sein Habicht eher wie eine Weihe und das Rebhuhn nicht wie ein Rebhuhn aussieht, ist zu verschmerzen, denn Schnabeltier, Clownfisch und Kanadagans sind umso hübscher. Und erst recht der Bielefelder. Also der Hahn, nicht der Ostwestfale.

Evelien De Vlieger und Jan Hamstra: „Das große Buch der Hühner“. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2025. 80 S., geb., 29,– €. Ab 8 J.

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