Kammermusik auf Spitzbergen: Erhabener Schmelz

vor 2 Tage 5

In Gottes guter Stube gibt es Apfelkuchen. Siv Limstrand hat ihn gebacken. Die flinke, fröhliche Frau in Norwegerstrickjacke und Kollarhemd hat viele Jahre auf der Straße gearbeitet – in der Stadtmission von Trondheim, gewissermaßen als Seelsorgerin in der Notaufnahme. Sie weiß, dass geistliche Bedürfnisse nicht nach Bekenntnisschriften fragen. Jetzt ist sie lutherische Pfarrerin in Svalbard Kirke, der nördlichsten ständig betriebenen Kirche der Welt, in Longyearbyen auf Spitzbergen. Ständig betrieben heißt: Die Kirche ist sieben Tage die Woche vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet. Wer will, kann kommen, ob Christ oder nicht. Auch zwei Chinesen hat sie schon gesegnet. Jeden zweiten Sonntag gibt es Gottesdienst, jeden Dienstagabend Waffelandacht: Kaffee-und-Kuchen-Mahl­gemeinschaft mit liturgischem Rahmen.

Longyearbyen am Abend mit Blick auf den HiorthfjelletLongyearbyen am Abend mit Blick auf den HiorthfjelletJan Brachmann

Der Gemeinderaum vor dem Kirchsaal ist von überwältigender Gemütlichkeit: Wände aus hellem Holz, Sessel und Sofas mit heidelbeerfarbenen Polstern, aus den Fenstern der schönste Blick über Long­yearbyen, den Adventsfjord, einen milchblauen Himmel und das schneebedeckte Massiv des Hiorthfjellet, des Hirsch­berges, das im Licht der tief stehenden Sonne rosa leuchtet.

Hier wird die Lichtmetapher des Christentums besonders dringlich

An diesem Sonntagmorgen ist das Arctic Chamber Music Festival zu Gast in der Kirche. Das Saphir Quartet spielt: Amanda Noor Vatn, Philippe Jayer, Torje Råbu, Iris Kalliovirta, alle Jahrgang 2006, hochsensible und begabte Schüler des Barratt-Due-Musikinstituts in Oslo, die sich mit dem Mut ihrer Jugend in die Finsternis von Franz Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ stürzen – schroff, dazu immer verwundbar nah beieinander in Ton und Atem. Noch sind die vier jünger als Schubert, während er dieses Quartett schrieb, und wissen doch schon viel über unabänderliche Dinge, die wehtun.

Zuvor predigt Limstrand über den Sonntag, den ersten Tag der Schöpfung: „Da schied Gott das Licht von der Fin­sternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“, liest sie aus der Bibel vor. Es ist eine besondere Zeit in Spitzbergen, die schönste im Jahr, sagt eine amerikanische Touristin, die immer wieder hierherkommt. Alle atmen auf über das Ende der Polarnacht. Pro Tag wächst die Lichtdauer um zwanzig Minuten. Auch wenn die Sonne zu tief steht, um über den Berg Sukkertoppen, den 324 Meter hohen Zuckerhut östlich der Siedlung, zu dringen und direkt in Longyearbyen einzufallen, sehen wir sie in ihrem Widerschein gegenüber: Donnerstag war ein Viertel des Hiorthfjellet rosa, Freitag ein Drittel, Samstag die Hälfte; am Sonntag leuchtet fast der gesamte Berg bis zum Fuß über dem Adventsfjord.

Auch darüber predigt Limstrand in ebenso einfacher wie dichterischer Sprache: Aus den Geschöpfen widerstrahle das erschaffene Licht. Wir alle reflektierten dieses Licht. „Reflexionen zur Dämmerung“ heißt dieses Konzert, das vor allem beweist, dass Menschen wie Schubert Licht und Finsternis, die Gott so sauber geschieden hat, wieder durcheinanderbringen. Diese gestaltete Rückkehr ins Chaos gehört auch zur Kunst.

Hier spielt das nördlichste Sinfonieorchester der Welt

Die Menschen kämen gern zu den Konzerten in die Kirche, sagt Limstrand: „Sie suchen einen Fokus. Sie sehnen sich nach einer Stunde tiefer Aufmerksamkeit jenseits ihrer Arbeitswelt oder ihrer ­Alltagssorgen“. Zwischen den Einhei­mischen finden sich zwei Frauen aus ­Bergisch-Gladbach, Touristinnen, die im hervorragend gemachten Svalbard Museum, das die Natur- und Kulturgeschichte des arktischen Archipels mit Spitzbergen im Zentrum klug und anschaulich ­erzählt, einen Handzettel fürs Festival gefunden haben. Das Arctic Chamber Music Festival gibt es seit 2018. Drei In­stitutionen haben sich zusammengetan, um es möglich zu machen: die Arktisk Filharmoni in Bodø und Tromsø, das Bildungsinstitut Voksenåsen in Oslo und das Unternehmen Svalbard Adventures, das in Longyearbyen ein Hotel betreibt, hauptsächlich aber Schneemobilsafaris und Bootsexkursionen veranstaltet.

Die Arktisk Filharmoni vereinigt die Sinfonietta Bodø und das Streichorchester Tromsø. Sie ist mit 44 Musikern das nördlichste professionelle Symphonie­orchester der Welt und verdankt sich dem Ehrgeiz des Königreichs Norwegen, allen Menschen im Land – egal, in welcher ­Region sie wohnen – die gleichen Lebensbedingungen zu garantieren. Dazu gehört der Zugang zu Konzerten mit klassischer Musik. Voksenåsen wird zu gut einem Drittel grundfinanziert von der schwedischen Regierung als Stärkung der schwedisch-norwegischen Beziehungen. Die Akademie engagiert sich in der Jugend- und Erwachsenenbildung. Ihre drei Arbeitsfelder sind die Stärkung demokratischer Selbstverantwortung einschließlich der Antisemitismusprävention, die Beschäftigung mit Literatur und die Förderung klassischer Musik durch Konzerte sowie die Unterstützung hochbegabter Nachwuchsmusiker in Kooperation mit dem Programm Talent Norge. In Longyearbyen kommen, kuratiert von Peter Herresthal, Schüler und Studenten zusammen mit den Profis von der Arktisk Filharmoni oder mit erfolgreichen Solisten wie dem frühreifen, sehr überlegten Geiger Johan Dalene und dem überaus aufmerksamen, dabei gewitzten Pianisten Sebastian Svenøy.

Der Geiger Johan Dalene in LongyearbyenDer Geiger Johan Dalene in LongyearbyenBård Gundersen, Arctic Chamber Music Festival

Das Programm ist sympathisch gewagt. In der alten Seilbahnzentrale, wo früher die Loren mit Stein­kohle aus den Gruben Richtung Hafen fuhren, spielen Åsmund Moen, und Kristoffer Almås, die beiden Schlagzeuger der Arktisk Filharmoni, „Workers Union“ von Louis Andriessen. Nichts Gefälliges also, avantgardistisches Engagement fürs Proletariat, das allerdings keine Abstriche am Kunstanspruch macht. Beide Schlagzeuger beziehen die Stahlkonstruktion der Industriearchitektur in ihr Spiel ein. Das Publikum – und es sind gar nicht so wenige, die sich bei minus 15 Grad in der hochgelegenen Verladehalle einfinden – wird angesteckt vom Schwung der beiden Musiker, deren Spiel bewundernswert exakt in allen Tempomodulationen und flirrend bunt in den Farbwechseln bleibt.

Die alte Seilbahn mit den Kohleloren führt von der Kohlegrube direkt in den HafenDie alte Seilbahn mit den Kohleloren führt von der Kohlegrube direkt in den HafenJan Brachmann

Longyearbyen verdankt seinen Namen und seine Existenz dem amerikanischen Holzmagnaten John Munro Longyear, der von 1905 bis 1916 mit seiner Arctic Coal Company die Kohle in Spitzbergen fördern ließ, bevor er die Minen an das norwegische Investorenkonsortium der Store Norske Spitsbergen Kulkompani verkaufte. Profitabel war die Kohleförderung hier so gut wie nie, erzählt uns Terje Aunevik, der Bürgermeister von Long­yearbyen. Nur um 2010, als der Kohlepreis sehr hoch war, warfen die Gruben etwas Gewinn ab. Sonst subventionierte sie der Staat – bis im vergangenen Jahr die letzte Grube dichtgemacht wurde. Bis 1998 gab es noch nicht einmal kommunale Strukturen in der Siedlung. Alles, restlos alles war im Besitz der Kohlecompagnie. Und die Siedlung mit ihren Hallen, Silos und Schuppen, den Verrichtungs­boxen für die menschlichen Bedürfnisse des Wohnens, Essens und Geldverdienens, ist keine architektonische Schönheit. Erst das neue Viertel mit den Hotels, Restaurants und Boutiquen, entstanden als Folge eines langfristigen Geschäftsplans für die Zeit nach dem sich abzeichnenden Kohle­ausstieg, wirkt etwas behaglicher und erinnert ein wenig an Zermatt.

Tora Augestad mit der Arkisk FilharmoniTora Augestad mit der Arkisk FilharmoniBård Gundersen, Arctic Chamber Music Festival

Longyearbyen befindet sich im Umbruch. Die Ausbeutung fossiler Brennstoffe ist vorbei. Heute lebt die Stadt vom Tourismus, der viel profitabler ist, als es die Kohleförderung je war. Und sie lebt von der Forschung. Spitzbergen weist die weltweit höchste Dichte an Satelliten­stationen auf. Hier werden Erdbewegungen und Klimadaten erfasst. Hier gibt es mit UNIS, dem University Centre in Svalbard, ein Spitzeninstitut für arktische Studien, das neben Forschern auch etwa 400 Studenten aus aller Welt anzieht. Nachdem Tora Augestad ebenso verträumt wie kabarettistisch verschlagen mit der Arktisk Filharmoni unter Christian Eggens Leitung unterm Titel „Im wunderschönen Monat Mai“ Reinbert de Leeuws ­moderne Überschreibung von Liedern Robert Schumanns und Schuberts gesungen hat, wird im Kulturhaus Deutsch gesprochen. Ein Ehepaar aus Schwerin ist gerade zu Besuch bei der Tochter. Sie studiert am UNIS Geomatik und möchte hier bleiben, am liebsten im arktischen Forschungsinstitut in Ny-Ålesund, Nordwest-Spitzbergen. Schon das vierte Mal in zwei Jahren sind die Eltern zu Gast.

Die alte Seilbahnzentrale für die Kohle in LongyearbyenDie alte Seilbahnzentrale für die Kohle in LongyearbyenJan Brachmann

Wenn man begriffen hat, dass Long­yearbyen über eine Bevölkerung verfügt, die mehrheitlich aus Akademikern besteht und aus Personen, die im gehobenen Tourismus arbeiten, verwundert das anspruchsvolle Festivalprogramm nicht mehr. Es gibt sogar die Sonaten für präpariertes Klavier von John Cage mit dem fakirhaften Verblüffungspianisten Yegor Shevtsov. All das könnte genau so auch im Radialsystem in Berlin oder auf Kampnagel in Hamburg stattfinden.

Yegor Shevtsov spielt John CageYegor Shevtsov spielt John CageBård Gundersen, Arctic Chamber Music Festival

Die Einwohnerzahl von Longyearbyen hat sich in zwanzig Jahren verdoppelt, die Zahl der Kindergärten verdreifacht. Die Lebensqualität ist hoch. Aber man kann die Siedlung nicht so einfach verlassen. Straßen nach Ny-Ålesund oder in die russische Bergbausiedlung Barentsburg gibt es nicht. Also muss man sich vor Ort beschäftigen. Ein Festival jagt das nächste: Jazz, Blues, Chor, Kammermusik, Film. Es gibt drei Chöre im Ort. Isak, Mitte zwanzig, einer unserer Führer auf der Schneemobilsafari, beschützt uns mit dem Gewehr und einer Signalpistole vor der sehr grundsätzlichen Gefahr eines Eisbärenangriffs. Ohne Waffe darf man die Siedlung nicht verlassen: Eisbären sind Menschenfresser. Aber ansonsten spielt Isak Klavier, singt im Männerchor und hört im Auto Jazzradio.

Diese immense Schönheit ist extrem gefährdet

Die Schönheit Spitzbergens treibt einem die Tränen in die Augen. Einerseits wegen ihrer erhabenen Zartheit und des überwältigenden Farbenspiels auf Himmel, Eis und Schnee. Andererseits wegen ihrer Gefährdung. Die Erderwärmung erfolgt auf Spitzbergen fünf- bis sechsmal so schnell wie im globalen Durchschnitt. Die Journalistin Line Nagell Ylvisåker hat darüber das erschütternde Buch „Meine Welt schmilzt“ (Hoffmann & Campe 2021) geschrieben. Die Gefahr von Lawinen und Erdrutschen wächst. In den Jahren 2015 und 2017 sind bei solchen Unglücken in Longyearbyen Häuser zerquetscht worden und Menschen ums Leben gekommen. Auch deshalb ist Spitzbergen der Hotspot der globalen Klimaforschung.

Eines Abends sitzen wir bei einem Konzert in der Einfahrt der ehemaligen Grube 3. Tora Augestad, charismatische Vokalverführerin mit einem besonderen Sinn für lange, farbwechselnde Schlusstöne, singt Lieder von Kurt Weill und Stephen Sondheim. Gemeinsam mit Yegor Shevtsov, dem Pianisten der Arktisk Filharmoni, hat sie sich ausgedacht, die Nummern intertextuell zu verweben. Shevtsov, ausgefuchst und elegant, begleitet den Mackie-Messer-Song satztechnisch nach dem Vorbild der E-Dur-Invention von Johann Sebastian Bach. Weil Tonart und erste Akkorde identisch sind, stellt er Sondheims „I’m loosing my mind“ Edvard Griegs „Arietta“ aus den „Lyrischen Stücken“ op. 12 voran; Weills „Surabaya-Johnny“ leitet er mit Claude Debussys „La cathédrale engloutie“ ein. Und weil Shevtsov Ukrainer ist, singt Augestad das Lied „Weiße Nächte“ von Ihor Shamo, das Shevtsov mit einer „Valse noble et sentimentale“ von Maurice ­Ravel vorbereitet. Es ist ein hinreißendes Spiel aus Charme und Geist mit diesen beiden – in einem Bergwerk!

Nur wenige Meter von hier befinden sich das Svalbard Global Seed Vault, also der Weltweite Saatgut-Tresor als bio­logisches Gedächtnis der Erde, und das Arctic World Archive, das die Kulturgüter der Menschheit auf Mikro- und Nanofilm für mindestens zweitausend Jahre haltbar machen will. Saatenbank und Datenbank als Zukunft Spitzbergens: Der klimatisch bedrohte Archipel birgt unsere Sicherheitskopien für den Weltuntergang – ein seltsames Ineinander von Hoffnung und Verzweiflung. Und mittendrin eine Frau, die Apfelkuchen backt. Er schmeckt!

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