Für das Dax-Sentiment befragt das Handelsblatt jede Woche von Freitagmorgen bis Samstagabend mehr als 10.000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer Markteinschätzung. Die Antworten analysiert Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, und ergänzt sie um weitere Indikatoren.
Bei der aktuellen Umfrage hat ein Großteil der Umfrageteilnehmer abgestimmt, bevor die USA und Israel den Iran am Samstag angriffen. Trotzdem lässt das Umfrageergebnis Rückschlüsse auf die weitere Marktentwicklung zu.
So hat sich die Anlegerstimmung (Sentiment) unter den Umfrageteilnehmern verbessert. Nach einem Wert von plus 0,9 Punkten in der Vorwoche notiert sie jetzt bei plus 1,5 Punkten. Von Extremwerten, die bei plus vier Punkten beginnen, ist die Stimmung aber noch entfernt.
Das bedeutet, dass der Militärschlag im Iran die Anleger keineswegs in einer euphorischen Stimmung überraschte. Die bessere Stimmung führt Heibel darauf zurück, dass der Oberste Gerichtshof in den USA viele Strafzölle für rechtswidrig erklärt hat: „Die Verhandlungsposition der Europäer wurde dadurch gestärkt.“
Da sich die Marktbewegung in der vergangenen Woche im Rahmen der Erwartungen bewegte, stieg auch die Selbstzufriedenheit unter den Umfrageteilnehmern. Von plus 0,1 Punkten stieg sie auf plus 0,8 Zähler.
Selbstzufriedenheit steigt, Zukunftserwartung fällt
Die Selbstzufriedenheit wird gemessen, indem die Anleger befragt werden, ob sich ihre Erwartungen in der abgelaufenen Börsenwoche erfüllt haben. Je mehr Investoren das betrifft, desto höher ist die Selbstzufriedenheit.
Allerdings ist die Zukunftserwartung in der Umfrage gefallen. Sie wird ermittelt, indem die Teilnehmer befragt werden, welche Marktlage sie in drei Monaten erwarten. Je mehr Anleger einen Aufwärtstrend erwarten, desto höher ist der Wert.
Während sich der Dax in der vergangenen Woche seinem Rekordhoch näherte, sank die Zukunftserwartung aber von plus 1,1 auf nur noch plus 0,1 Punkte. „Offensichtlich sah man kaum mehr Gründe für weiter steigende Kurse“, sagt Heibel.
Dennoch stieg die Investitionsbereitschaft weiter an, von plus 1,7 auf plus 1,8 Punkte. Heibel sieht darin aber keinen Widerspruch: „Man kann das so erklären, dass Anleger vielleicht auf einen Kursrücksetzer spekuliert haben, um dann zu niedrigeren Kursen einzukaufen.“
Dazu würde auch die Entwicklung am Terminmarkt passen, wo Anleger auf steigende Kurse setzen können oder sich gegen das Risiko fallender Kurse absichern. Daten der Börse Stuttgart zeigen, dass derzeit die Absicherungsaktivitäten überwiegen.
„Ich habe den Eindruck, Anleger warten fast schon sehnsüchtig auf einen nennenswerten Rücksetzer, um dann zuzugreifen“, sagt Heibel. Denn mit einem wirklichen Crash rechnen die Anleger nicht, wie das neutrale bis moderat positive Stimmungsbild zeigt.
Anleger haben sich für Rücksetzer positioniert
„Das würde bedeuten, dass die Positionierung der Anleger, die wir diese Woche beobachten, zunächst richtig ist: Ein Rücksetzer zum Beginn der Woche wäre dann eine Kaufgelegenheit, sofern die Operation nach wenigen Tagen ‚erfolgreich‘ beendet wird“, sagt Heibel.
Allerdings gibt der AnimusX-Geschäftsführer zu bedenken, dass sich der Konflikt länger hinziehen und auch weiter eskalieren könnte. Denn die Ziele Israels und der USA seien komplex. „Erst im zweiten Schritt wäre es dann meines Erachtens möglich, sich über den tatsächlichen Erfolg oder Misserfolg eine Meinung zu bilden“, sagt Heibel.
Zumindest deutet das Umfrageergebnis darauf hin, dass kein mehrtägiger Abverkauf ansteht. Denn wie der Sentiment-Experte feststellt: „Dafür haben sich zu viele Anleger schon darauf vorbereitet. Diese Gruppe dürfte frühzeitig zukaufen und ein Durchrutschen nach unten zunächst verhindern.“
Als extrem vielversprechend bewerten die Anleger derweil die Lage bei Gold. Das zeigt eine separate Umfrage von AnimusX. Demnach notiert die Erwartung für das Edelmetall auf einem optimistischen Niveau.
„Nur 47 Mal in den vergangenen 20 Jahren waren Goldanleger vergleichbar optimistisch“, sagt Heibel. Das war bislang ein gutes Zeichen. Denn im Schnitt stand der Goldpreis sechs Monate später elf Prozent höher.
Verwandte Themen




Seit 2014 analysiert Stephan Heibel die Handelsblattumfrage Foto: Matthias Martin, Berlin
Über den Sentimentexperten

vor 2 Tage
3










English (US) ·