Das Misrachi-Haus in der Nordwestecke des Judenplatzes beherbergt das Museum Judenplatz, eine Zweigstelle des Jüdischen Museums in der Dorotheergasse. Der Eingang liegt etwas versteckt hinter dem Kubus des Holocaust-Mahnmals von Rachel Whiteread, Haus und Mahnmal sind mit einem unterirdischen Gang verbunden. In den beiden Ausstellungsräumen im Erdgeschoss ist derzeit die in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Hohenems gestaltete Ausstellung „Alles vergessen“ zu sehen. Sie zeigt, dass es nicht auf Größe ankommt, sondern auf Intensität.
Im linken Raum leuchtet Brigitte Kowanz’ Neonleuchtschrift „Vergessen“ von 2009, sie setzt den hebräischen Schriftzug „Ot“ (für Symbol, Zeichen, Buchstabe) in einen verspiegelten Kasten, der das Bild der Schrift und jenes des Betrachters ins Unendliche vervielfältigt. Der Fotograf Arnold Dreyblatt hat in einem sizilianischen Dorf eine elektronische Hinweistafel aufgenommen, die „Memory Lost“ verkündet, also das Gegenteil dessen tut, wofür sie aufgestellt wurde – sie hat alle Informationen vergessen.
Die Konturen der Vergangenheit verschwimmen
Von der Pathologie des Vergessens zeugen die an der Stirnwand hängenden Selbstporträts des amerikanischen Malers William Utermohlen, die dieser nach einer Alzheimer-Diagnose im Jahr 1995 bis zu seinem Tod 2007 malte. Bilder, die im zunehmenden Verschwimmen der Konturen und der Entrückung des Blicks dokumentieren, wie ein Selbst sich abhandenkommt.
Beispiele aus der bildenden Kunst also, die Vergessen und Verdrängen aus kulturhistorischer im weiteren und aus jüdischer Perspektive im engeren Sinn untersuchen. Eine Typologie versucht Ordnung in die verschiedenen Formen zu bringen, indem sie strafendes, drohendes, stillschweigendes, eiliges, glückliches, angeordnetes, leugnendes, erlösendes und österreichisches Vergessen unterscheidet. Kompakte Erklärtafeln führen ins Zentrum der ausgestellten Fälle, so auch beim „Cherem“, beim Bann. Der traf den Philosophen Baruch de Spinoza, als ihn die portugiesische Gemeinde in Amsterdam 1656 ausschloss. Höchststrafe wegen seiner als häretisch gedeuteten Schriften, Spinoza war erst 23 als ihn der Bann traf, der bis heute nicht aufgehoben wurde.
Einfach ausgelöscht
Der Weg ins Vergessen ist oft banal, wie ein Beispiel im zweiten Raum zeigt. Weil eine am ehemaligen Wiener Wohnhaus von Elias Canetti angebrachte Gedenktafel abgenommen worden war, brachte das Jüdische Museum im Rahmen seiner Ausstellung „Hier hat Teitelbaum gewohnt“ 1993 das Ausstellungsplakat, das den Hauseingang zeigt, dort an, wo einst die Gedenktafel hing. Heute ist dort nur ein Firmenschild zu sehen – die Erinnerung an den Literaturnobelpreisträger in der Ferdinandstraße 11 ist ausgelöscht. Ähnlich ein Beispiel aus Hohenems: Dass das Feuerwehr-Gerätehaus eine Synagoge war, musste erst wieder in Erinnerung gerufen werden, weil die Gemeinde das auf ihrer Hinweistafel unterschlagen hatte.
Ein Tora-AufsatzJüdisches Museum Hohenems R 30In „Nacht und Nebel“, 2011 auf der Biennale in Venedig gezeigt, beschäftigt sich der Videokünstler Dani Gal mit der Bootsfahrt von 1962 in deren Verlauf israelische Polizisten Adolf Eichmanns Asche in internationalen Gewässern des Mittelmeers verstreuten. Was als finale Tilgung der Erinnerung gedacht war, wird bei Gal zu einem paradoxen Akt des Erinnerns: Eichmann, der Organisator des millionenfachen Mordes an den Juden, kehrt in diesem filmischen Re-Enactment als Echo zurück. Der Akt des bewussten Vergessen-Machens schafft eine neue Erinnerung.
Ein Geheimnis, heißt es am Ende von Gals Video, könne nur zwischen zwei Menschen bewahrt werden – wenn einer von ihnen tot ist. Wie man als Wissenschaftler mit dem Vergessen umgehen kann, zeigt der Zettelkasten des deutschen Soziologen Niklas Luhmann, der sein Ablagesystem „Verwahrensvergessen“ nannte. Gespeichertes Wissen ist nur latent vorhanden, präsent wird es erst, wenn sich jemand daran erinnert und es wieder aufruft. Andere, wie die Malerin Edith Kramer, wollten vielleicht, aber konnten aber nicht vergessen. Ihr 1943 im amerikanischen Exil gemaltes Selbstporträt zeigt sie mit einem Veilchen unter dem linken Auge. Die Deutung des Hämatoms ist umstritten, eine Lesart ist, Kramer sei durch die Emigration 1938 mit einem blauen Auge davongekommen.
Wieder andere hatten es eilig. Wie jener junge Wiener Krüppel, der kurz vor Kriegsende heimkehrte und das im Laden seiner Familie hängende Hitler-Bild zu einem Andreas-Hofer-Porträt umgestaltete: Unter einem breitkrempigen Schlapphut kaschiert ein Vollbart den Hitler-Bart, der stechende Blick blieb. Ein Akt des Widerstands, oder die Sehnsucht nach schnellem Vergessen?
Erst Solidaritätsbekundungen, dann hat das Interesse nachgelassen
Der Schau bietet auf kleinem Raum ein thematisches Kondensat mit zahlreichen Möglichkeiten zur gedanklichen Vertiefung. Sie erschlägt nicht, sie regt an. Genau das, was das Jüdische Museum derzeit gut gebrauchen könnte, denn die aktuellen Besucherzahlen sind enttäuschend. Vergangenes Jahr kamen knapp 87.000 Besucher, der Höchststand waren 2019 mehr als 144.000. Nach Corona hatten sich die Zahlen wieder zu erholen begonnen, doch dann kam der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023.
Das Jüdische Museum gehört zum städtischen Mischkonzern Wien Holding, der im Kulturbereich unter anderem auch das Kunst Haus Wien, die Musicaltheater Ronacher und das Theater an der Wien betreibt. Seit 2022 ist die Wiener Historikerin Barbara Staudinger Direktorin des Hauses mit rund fünfzig Mitarbeitern. Für sie markiert der 7. Oktober einen massiven Einbruch wie sie im F.A.Z.-Gespräch sagt: „In den ersten ein, zwei Tagen gab es noch Solidaritätsbekundungen, aber das hat schnell nachgelassen. Denn plötzlich war ,jüdisch‘ sehr negativ besetzt.“ Es habe Absagen aus Sicherheitsgründen, aus Angst vor Anschlägen gehagelt, Schulklassen blieben aus.
Die Entwicklung habe niemanden überrascht, sagt Staudinger. Sie verweist auf andere europäische Länder, in den Jüdische Museen ebenso unter Druck geraten seien. Besonders schlimm sei die Entwicklung in Amsterdam, wo das Joods Museum mehr als vierzig Prozent seiner Besucher eingebüßt habe. Jüdische Museen in Deutschland, so Staudinger, seien weniger betroffen, „weil das Bekenntnis zur Schuld in Deutschland einfach größer ist als in Österreich“. Nachdem es bis 1986 gedauert hat, in der Folge der Waldheim-Affäre das Narrativ vom überfallenen Opfer-Volk in Frage zu stellen, grassiere heute wieder eine Absetzbewegung vom Thema der nationalsozialistischen Verstrickung, die parteipolitisch geschürt werde.
Mit dem zunehmenden Verschwinden des Gazakriegs aus den Schlagzeilen, stiegen aktuell die Besucherzahlen wieder. Ein Trend ist davon indes unberührt: Es kommen weniger Wiener als früher, dafür mehr Touristen. Welche Rolle dabei die Ausstellungsangebote selbst spielen? Staudinger verweist auf die Erfolge im musealen Exportgewerbe – derzeit laufende Ausstellungen in München, Augsburg und Rendsburg habe das Jüdische Museum Wien konzipiert. „Das Jüdische Museum ist zunächst ein Safe Space für Juden. Als Museum können wir unseren Bildungsauftrag nur aufrechterhalten, wenn es uns gelingt, vernünftig miteinander zu reden.“ Dazu gehört auch Barbara Staudingers ambitioniertes Ziel, die Vorstellung potentieller Besucher zu überwinden, „jüdisch“ sei ein Synonym für „bedrückend“.
Alles vergessen. Jüdisches Museum Wien, Museum Judenplatz; bis zum 17. September. Der Katalog kostet 24,90 Euro.

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