DEIN SPIEGEL: Wieso verzieren Sie ausgerechnet Waffen?
Ziman: Waffen bringen nichts Gutes mit sich. Nur Unsicherheit und Zerstörung. Ich lebe in Los Angeles. In Teilen der USA kann man ohne Waffenschein eine Pistole kaufen. Das finde ich falsch. Deshalb mache ich aus zerstörerischen Objekten etwas Buntes, Fröhliches. Gemeinsam mit meinem Team verziere ich Dinge, die im Krieg verwendet werden, mit Perlen. Meine Kunst ist Protest: gegen Gewalt, für Frieden. Ich wünschte, es gäbe keine Waffen auf der Welt. Wir bräuchten mehr Kunst statt Krieg.
DEIN SPIEGEL: Aus welchen Waffen haben Sie bereits Kunst gemacht?
Ziman: Alles begann mit einem Maschinengewehr: der AK-47. Das ist die meistverkaufte Waffe der Welt. Vor rund zehn Jahren bauten wir Dutzende dieser Gewehre nach, indem wir Perlen auf Rahmen aus Draht fädelten. Als Nächstes verzierten wir auf dieselbe Art ein Panzerfahrzeug, danach ein Kampfflugzeug.
DEIN SPIEGEL: Wie lange dauert es, bis eines Ihrer Werke fertig ist?
Ziman: Am aufwendigsten war das Flugzeug. Es handelt sich dabei um einen riesigen Überschalljet, 15 Meter lang und 7 Meter breit, größer als ein Linienbus. Bis der Jet von innen und außen komplett mit Perlen verziert war, dauerte es etwas mehr als fünf Jahre.
DEIN SPIEGEL: Kann man einen Kampfjet einfach so kaufen?
Ziman: Nein. Ein Unternehmen, das Militärgerät an US-amerikanische Soldaten liefert, erfuhr von unserem Projekt und spendete uns ein unbrauchbar gewordenes Flugzeug. Es funktionierte nicht mehr richtig, aber für uns eignete es sich super.
Fingerspitzengefühl gefragt: Auch im Innern des Flugzeugs ist jeder Zentimeter mit Perlen verziert. Insgesamt besteht das Kunstwerk aus etwa 35 Millionen Perlen. Bis der Jet fertig war, dauerte es mehr als fünf Jahre.
Foto: Paul Duran-LemosDEIN SPIEGEL: Können Sie Schritt für Schritt erklären, wie das Basteln ablief?
Ziman: Wir starteten im Innern des Flugzeugs und klebten Papierbögen auf jede einzelne Aluminiumplatte. Auf diesen Bögen entwarfen wir Muster mit farbigem Klebeband. Dann lösten wir das Papier ab und schickten es nach Südafrika. Dort kümmerten sich afrikanische Kunsthandwerkerinnen um die Perlenarbeiten. Sie fädelten die Perlen nach traditioneller Art auf Baumwollfäden und Draht. Die verzierten Platten wurden uns zurückgeschickt. Dann befestigten wir die Perlenarbeiten am Jet. Dieses Prinzip wiederholten wir so lange, bis alles verziert war.
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DEIN SPIEGEL: Wie viele Perlen sind am Flugzeug befestigt?
Ziman: Insgesamt sind es etwa 35 Millionen Perlen. Jede einzelne Perle wurde von Hand aufgefädelt. Unglaublich, oder?
Die Perlenarbeiten fertigten Kunsthandwerkerinnen in Südafrika. Sie fädelten die Perlen nach traditioneller Art auf Baumwollfäden und Draht.
Foto: Nic HofmeyrDEIN SPIEGEL: Haben Sie währenddessen nie die Lust verloren?
Ziman: Nein, nie. Anfangs wusste ich noch nicht, wie aufwendig das Projekt werden würde. Bei jeder Perlenlieferung aus Südafrika war ich aufgeregt und voller Vorfreude.
DEIN SPIEGEL: Wo befindet sich das verzierte Flugzeug jetzt?
Ziman: Der Jet ist in einem Museum für Luftfahrt in der US-amerikanischen Stadt Seattle ausgestellt, zusammen mit einigen anderen meiner Kunstwerke.
Feinschliff: Am Schluss wurden die in Südafrika gefertigten Perlenstücke am Jet befestigt
Foto: Nick BonamyDEIN SPIEGEL: Warum verwenden Sie ausgerechnet Perlen?
Ziman: Ich liebe Perlen seit meiner Kindheit. Ich wuchs in Südafrika auf. Dort wurden oft traditionelle Perlenarbeiten am Straßenrand verkauft. Spielzeug oder Schmuck aus Perlen galt damals als wertloser Ramsch für Touristen. Dabei braucht man für dieses Kunsthandwerk viel Geschick und Geduld.
DEIN SPIEGEL: Wie war es, in Südafrika aufzuwachsen?
Ziman: Als ich ein Kind war, waren überall Schilder, auf denen stand: »Nur für Menschen mit weißer Hautfarbe«. Auf Parkbänken, an öffentlichen Toiletten, sogar am Strand. Für Schwarze gab es einen anderen Strand, kilometerweit entfernt, schlecht erreichbar und weniger schön. Damals herrschte in Südafrika ein System der Ungerechtigkeit, die Apartheid. Schwarze wurden jahrzehntelang von Weißen unterdrückt. Gewalt gehörte zum Alltag.
Im 20. Jahrhundert ging es in Südafrika sehr ungerecht zu. Schwarze bildeten zwar die Mehrheit der Bevölkerung, hatten aber viel weniger zu sagen als Weiße. Schwarze Kinder mussten zum Beispiel andere Schulen besuchen. Viele Gebäude hatten getrennte Eingänge: einen für Weiße, einen für Schwarze. Schwarze durften nicht wählen, sie bekamen nur schlecht bezahlte Arbeit und mussten außerhalb der Städte wohnen. So entstanden sogenannte Townships, Siedlungen für Schwarze. Wer sich gegen all diese Regeln wehrte, wurde verhaftet, von der Polizei verprügelt oder sogar getötet. Die strikte Trennung zwischen Schwarzen und Weißen nannte man Apartheid, abgeleitet vom niederländischen Wort »apart«, das bedeutet »getrennt«.
Freiheitskämpfer und erster schwarzer Präsident Südafrikas: Nelson Mandela
Foto: Louise Gubb / Corbis / Getty ImagesNach vielen Jahrzehnten der Unterdrückung kam es zu einem Aufstand. Viele Schwarze gingen gegen das Regime auf die Straße. Die Proteste waren erfolgreich: Im Jahr 1994 wurde der erste schwarze Präsident Südafrikas gewählt, der Freiheitskämpfer Nelson Mandela. Seitdem ist die Apartheid abgeschafft.
DEIN SPIEGEL: Haben Sie selbst gefährliche Situationen erlebt?
Ziman: Viele Menschen besaßen damals eine Waffe. Als ich 14 Jahre alt war, war ich mal mit zwei Freunden in einem Kaufhaus unterwegs. Plötzlich zog ein Mann aus dem Nichts seine Waffe und richtete sie auf uns. Erstaunlicherweise blieb ich sehr ruhig. Wir hatten Glück: Der Mann merkte, dass wir nicht viel Geld hatten, und ließ uns davonkommen. Damals beschloss ich, gegen Gewalt zu kämpfen. Das tue ich heute mit meiner Kunst.
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DEIN SPIEGEL: Wie ging es in Südafrika weiter?
Ziman: Viele Jahre nachdem ich weggezogen war, endete die Apartheid. Ich dachte: Ab jetzt geht es im Land gerechter zu. Doch es gibt noch immer viel Armut und Gewalt. Nicht nur in Südafrika, sondern überall auf der Welt. Menschen werden ausgegrenzt, weil sie eine andere Hautfarbe haben, einen Menschen des gleichen Geschlechts lieben oder eine religiöse Kopfbedeckung tragen. Ich werde das nie verstehen. Wir dürfen nie aufhören, Ungerechtigkeit und Rassismus zu bekämpfen.

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