Dass die Dubai-Influencerin Fiona Erdmann ihre geliebte Wahlheimat am Golf überstürzt Richtung Oman verließ, als die ersten iranischen Raketen einschlugen, dürfte der Regierung nicht gefallen haben. Auf ihrem Instagram-Account schrieb die ehemalige Kandidatin von „Germany’s Next Topmodel“, das Haus habe gebebt. Erdmann musste sich mit ihren Kindern in der „Abstellkammer“ verstecken. „Wir hatten eine schlaflose Nacht.“ Am nächsten Morgen floh die Familie in die Hauptstadt des Oman, nach Muscat. Nicht der schlechteste Ort für eine Flucht. Gleichwohl betont Fiona Erdmann auf Instagram: „Ich bin seit neun Jahren in Dubai und für mich ist und bleibt es einer der sichersten Orte der Welt. Das Sicherheitssystem von Dubai funktioniert.“
Alles save: Kim Glosskim_glossofficial/InstagramDass diese Beteuerungen nicht zu ihrem Verhalten passen, fällt ihren Followern selbstverständlich auf. In einem Beitrag heißt es: „Ich dachte, ihr fühlt euch dort sicher und vertraut! Nun also doch nicht?! Was für eine Farce!“ Eine Followerin fragt: „Wenn Dubai der sicherste Ort für euch ist, warum flieht ihr dann nach Muscat? Die Logik erschließt sich mir nicht.“
Stärkere Nerven bewies die frühere Teilnehmerin der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ und Influencerin Kim Gloss. Anstatt wie Fiona Erdmann den SUV vollzupacken und im Oman Zuflucht zu suchen, zog sie sich mit ihren Kindern in einen Raum ohne Fenster zurück. Gloss lobt das Emirat überschwänglich: „Wir fühlen uns hier gut aufgehoben. Wir vertrauen dem Land, wir vertrauen der Regierung und vor allem dem Raketenabwehrsystem, das in den letzten 24 Stunden Enormes geleistet hat. Nachts wurden hier über 130 Raketen und über 200 Drohnen abgefangen – das ist unglaublich“, erzählt sie in einem Video. „Die Rettungskräfte und die Polizei arbeiten hier auf Hochtouren. Dafür unendlich viel Respekt und Dankbarkeit.“
Kim Gloss hat offenbar besonders schnell verstanden, was die Scheichs von ihren internationalen Dauergästen hören möchten, und sagte brav ihren Text auf, als lese sie von einem Teleprompter einen Text der staatlichen Nachrichtenagentur ab. Kurz nach den iranischen Angriffen am vergangenen Samstag posteten viele Influencer noch Videos über ihren Schock und ihre Angst. Inzwischen hat sich der Ton gewandelt. Gegenüber dem WDR sagte der Rechtsanwalt Christian Solmecke, die Influencer in Dubai verpflichteten sich, die Religion, die Kultur und vor allem die politische Führung des Landes zu respektieren. „Jegliche Kritik am Staat, an der Herrscherfamilie oder an gesellschaftlichen Themen ist absolut tabu.“ Nach deutschem Verständnis sei das ein klarer Maulkorb. Themen wie beispielsweise die Arbeitsbedingungen von Migranten oder Menschenrechte könnten das sofortige Aus bedeuten. „Die Influencer blenden deshalb die Realität abseits der Luxushotels aus, weil alles andere schlichtweg verboten und existenzgefährdend wäre.“
Georgina Fleur fühlt sich beschützt.georginafleur.tv/InstagramWer gegen die rigiden Social-Media-Vorgaben verstößt, riskiert hohe Geldstrafen oder sogar Haft. Für die Jubel- und Feel-good-Posts unter Palmen und vor glitzernder Kulisse gibt es als Belohnung ein fast steuerfreies Luxusleben. Von Zensur will die Influencerin Marija Bratusha, auf deren Instagram-Account das Motto „Vom Asylheim nach Dubai. Nicht für Status, sondern Freiheit“ prangt, allerdings nichts wissen. Sie warnt ihre Follower vor Fake News und behauptet, solange man keinen Bullshit labere, dürfe man alles posten.
Besonders beliebt bei der Regierung dürfte sich in den vergangenen Tagen auch der Reality-TV-Star Georgina Fleur gemacht haben, denn sie veröffentlichte ein gut gelauntes Video mit den Worten: „Hast du keine Angst? Du lebst in Dubai. Nein, weil ich weiß, wer uns beschützt.“ Eingeblendet wurden zu diesem Text Fotos von Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum und seinem Sohn. Fleur selbst sitzt offenbar gerade in Thailand fest, die vierjährige Tochter ist bei Skandalprinz Marcus von Anhalt untergebracht, der, wie Fleur sagt, „in einer der sichersten Gegenden von Dubai lebt“.
Im autoritären Dubai funktioniert offenbar nicht nur das Raketenabwehrsystem bemerkenswert gut, sondern auch die Zensur. Viele Influencer scheinen sich ihr bereitwillig zu fügen, schließlich hängt ihr luxuriöses Geschäftsmodell davon ab. Für Fiona Erdmann, die sich sehnlichst wünscht, mit ihrer Familie wieder nach Hause zu fahren, könnte es im vermeintlichen Paradies zukünftig allerdings etwas ungemütlicher werden.

vor 2 Stunden
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