Filme von Frauen: Ist der weibliche Blick besonders gnadenlos?

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Der Frühling ist da, aber die Bilder von der Gewalt liegen wie ein Schleier über allem, Videos von Menschen, die vor laufender Kamera erschossen werden, Tausende beim Protestieren, die Nachricht vom Geruch von Blut auf den Straßen. Es ist nicht mehr bloß ein Gefühl, die Gewalt hat eine Hauptrolle in unserer Realität übernommen, was alles Brutale, das in Filmen üblicherweise gezeigt wird, auf einmal anders aussehen lässt, blasser, vielleicht auch alltäglicher. Erst nachts, in den Träumen, vermischen sich beide zu einer neuen, dunklen Wirklichkeit.

In diese Zeit hinein fällt die Premiere eines Films, der „No Mercy“ heißt, Regisseurinnen aus aller Welt sind dabei. Die große Frage: Sind Filme von Frauen die härteren? Wie bitte, möchte man zurückfragen. Bilder von den letzten Kassenschlagern von Greta Gerwig und Emerald Fennell sausen durchs Bewusstsein, Zahlen einer neuen Studie, die 26 Prozent der befragten männlichen Jugendlichen die Überzeugung bescheinigt: Unterdrücken ist männlich. Welche Art von Härte ist wohl gemeint?

Rache ist die logische Konsequenz weiblicher Erfahrung

Nun: In „No Mercy“ treten Regisseurinnen auf, die Filme über Frauen gemacht haben, die ihre terroristischen Entführer mit Gewehren bekämpfen, ihren Vergewaltigern die Köpfe abschlagen und dem Mann, der sie nachts auf der Straße überfällt, den Finger abbeißen. Von erzwungener Härte oder Brutalität könnte man also sprechen. Härte, die im Film herbeigesehnt wird, in der Realität aber keine akzeptable Entsprechung hat.

Isa Willinger hat legendäre Künstlerinnen wie Virginie Despentes, Valie Export, Céline Sciamma und Joey Soloway getroffen, aber auch junge wie Alice Diop, von der der großartige Film „Saint Omer“ stammt. Man lernt mit „No Mercy“ also zuallererst, welche Filme man unbedingt noch sehen muss.

Regisseurin Isa WillingerRegisseurin Isa WillingerAndreas Müller

Die Künstlerinnen, die Willinger vor die Kamera holt, vereinen sich zu einem Chor kluger, abgeklärter Frauen, von denen jede eine eigene Meinung hat: Ja, Gewalt ist ein wichtiges Motiv des Kinos, aber zu lange waren die Frauen immer die Opfer. Oder: An der Gewalt im Film muss man sich abarbeiten, aber nicht zum Selbstzweck, eher als Form der Ermächtigung. Oder: Aus Gewalt folgt nur mehr Gewalt, also weg damit. Oder: Rache ist die logische Konsequenz weiblicher Erfahrung. Virginie Despentes sagt zu Filmemacherin Willinger über ihren äußerst expliziten Film „Baise-Moi“, der, wie sie sagt, 2000 sofort nach der Veröffentlichung zensiert worden sei: „Für uns war es nicht anstößig, aber für andere wohl.“ Die beiden sitzen sich gegenüber in einer Kneipe, Despentes lächelt wie eine Piratin.

Noch vor der Frage nach der Gewalt steht die große, ausgiebig diskutierte Frage, ob Filme von Regisseurinnen von einer anderen Sicht geprägt sind oder sein sollten, und da gehen die Meinungen ebenso auseinander. Manche Künstlerinnen sprechen von dem einen schonungslosen Blick, wenn Frauen aus ihrem Leben erzählen. Ana Lily Amirpour sagt, wir machen Filme aus unserem individuellen Blickwinkel, nichts daran ist typisch weiblich. Mit dem Konzept des Female Gaze können die wenigsten etwas anfangen, schon weil eine Umkehrung des Male Gaze, also der größtmöglichen Objektivierung von Frauen bei möglichst ungleicher Verteilung von Macht zugunsten des Mannes, die Welt kein Stück verbessert. Vom Blick der Scham, die Frauen auferlegt wurde, spricht Catherine Breillat. Und empfiehlt, ähnlich wie zuletzt Gisèle Pelicot, die forderte, die Scham müsse die Seite wechseln, sich allem zu stellen, „was einem Angst macht“.

Virginie Despentes in einer KneipeVirginie Despentes in einer KneipeRealFiction Filmverleih

Die Filmemacherin Mouly Surya aus Indonesien beschreibt sehr anschaulich den Blick der Kamera auf die Vergewaltigung in „Marlina - die Mörderin in 4 Akten“: Es ist der Täter, der sich entblößt, Marlina bleibt voll bekleidet. Später fährt Marlina mit dem abgeschlagenen Kopf ihres Peinigers Bus, er liegt in ihrem Schoß, auch das eine Szene, die neue Blickwinkel eröffnet.

Man hat aber nicht das Gefühl, dass das die Art von Härte ist, die Isa Willinger meinte, als sie ihren Film „No Mercy“ nannte. Herausfinden lässt sich das nur in München, wo die Regisseurin wohnt, die mit politischen Filmen über Plastik und das Zusammenleben von Menschen und Robotern bekannt geworden ist.

Willinger sitzt in einer flauschigen Weste vor einem Café beim Sendlinger Tor, und wie immer an Frühlingstagen in München und beim Anblick der rosigen Gesichter denkt man, dass alles Übel der Welt sehr weit entfernt ist. In ihrem Film stützt sich Willinger auf eine Aussage der ukrainischen Jahrhundertregisseurin Kira Muratova, die sie vor Jahren für ein Buchprojekt in Odessa getroffen hat, bevor sie 2018, noch vor Kriegsbeginn, starb. Man denkt: Odessa, diese schöne Stadt am Meer, denkt: Bombenalarm.

Catherine Breillat liest einen Brief, den Godard ihr geschrieben hat, und empört sich darüber.Catherine Breillat liest einen Brief, den Godard ihr geschrieben hat, und empört sich darüber.RealFiction Filmverleih

Muratova hat laut Willinger mal zu einer Journalistin gesagt: „Pass auf, dass du dir an meinen scharfen Rändern nicht die Fingerchen schneidest.“ Auch sonst muss sie eine in jeder Hinsicht vorbildliche Frau gewesen sein, liebte alles Groteske und habe den Zufall stets willkommen geheißen. Muratova also hatte die Idee mit der weiblichen Härte. Das wundert einen nicht, wie hart muss die Produktion der Filme, für deren Ästhetik und Wagnis Muratova einstand, in der Sowjetunion gewesen sein? Ihr Fan Willinger wirft in der zweiten Hälfte ihres Films aber die Frage auf: „Sollten wir nicht generell, wenn wir Filme drehen, die Härte brechen, weich und offen werden?“ Also, wie ist es nun, machen Frauen die härteren Filme? Oder muss die Härte weg?

Willinger sieht es so: Die Generation brutaler, gewalttätiger Frauenfilme musste sein. Vor allem aber sei Härte Ehrlichkeit, Schonungslosigkeit. Sie zitiert Céline Sciamma, die großartige Schöpferin von „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, die mit „Petite Maman“ zuletzt einen außerordentlich konfliktarmen Film gedreht hat. Sciamma habe sich auf die Suche nach einer Filmsprache gemacht, die „etwas Kindliches, Unschuldiges“ an sich habe, „fast wie die Anfänge des Kinos“. Was wiederum Emotionen offenlege, die bislang im Kino keine Rolle spielten.

Aber mit dieser sehr großzügig ausgelegten Variante von Härte verkauft man keine Filme. Oder doch?

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Bei Wikipedia hat Willinger neulich gelesen, wie Männer, denn es sind vor allem Männer, die Einträge verfassen, über die neuen, erfolgreichen Filme von Frauen schreiben. Er klinge, als hätten sie etwas völlig anderes gesehen. Bei „Hamnet“ von Chloé Zhao habe der Autor des Artikels William Shakespeare zum alleinigen Hauptdarsteller gemacht, die eigentliche Heldin Agnes zu einem Nebenprodukt. Sie, Willinger, habe das dann geändert.

Für die Münchner Regisseurin ist der Blick, der sich bei bestimmten Filmen von Frauen eröffnet, tatsächlich ein gänzlich anderer, neuer. „Mal was von Andrea Arnold gesehen? ‚Fish Tank‘?“ Arnold hat leider nicht mitgemacht, weil sie es hasse, vor der Kamera zu stehen. Aber das macht nichts. Dafür ist Valie Export bei „No Mercy“ dabei, berichtet über ihre als Kinoleinwand zum Anfassen präsentierten Brüste und den daraus folgenden Aufruhr. Oder Catherine Breillat, die von einer versuchten Vergewaltigung erzählt und mit den Worten schließt: „Er hat mich nicht bezwungen.“ Oder Apolline Traoré, die über ihren Film „Sira“ und die Erfahrung von Frauenversklavung in Burkina Faso spricht. Sie habe eine Frau mit einer Kugel im Arm erlebt, die mit einem fünf und einem sieben Jahre alten Kind tagelang durch die Wüste gelaufen sei. Welche Art von Kraft, von Härte braucht es dafür?

Gnadenlos und unerbittlich muss man sein. „Hast du ‚Romance‘ gesehen?“, fragt Isa Willinger in der Mittagssonne von München. „Musst du sehen.“ Die ultimative Befreiung aus der Opferrolle. Kühle Ehrlichkeit. An diese Art von Härte glaubt Willinger, glaubt daran, dass sie sich durchsetzen wird. Und ist in diesem Glauben durchaus unerbittlich.

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